Die Bohème am Kottbusser Tor · Inszenierung





Die Bohème am Kottbusser Tor

- ein Musiktheaterprojekt -



INSZENIERUNG

DIE BOHÈME AM KOTTBUSSER TOR feierte in einer für den Platz und den Raum adaptierten Version im Festsaal Kreuzberg

Premiere am 14. Juni 2007 um 20 Uhr.

Künstlerische Leitung: Julia Schreiner
Arrangement & Musikalische Leitung: Stefan Weihrauch
Regie: Patrick Wengenroth
Raum: Mascha Mazur
Kostüme: Sabine Blickenstorfer


Mit:
Min Kwon Han (Bariton)
Doreen Hoffrichter (Sopran)
Alec Otto (Tenor)
Nike Schmitka (Sopran)
Katharina Jakhelln Semb (Sopran)




© Bettina Stöß / stage-picture


-----------------------

Baglama/Perkussion: Nevzat Akpinar
Bandoneon: Bettina Hartl
Bratsche: Vladim Ott
Cello: Jessica Marino
Geige: Lilija Rjasnikovskaja
Klarinette: Sandrine Brammer
Kontrabass: Maike Hilbig
Saxophon: Patrick Braun
Sousaphon/Posaune: Gerhard Gschlößl
Trompete: Nikolaus Neuser
Vibraphon: Marcin Lonak

Musikalische Leitung / Dirigent: Jens Lietzke

Regieassistenz: Lena Mody
Kostümassistenz: Friederike Donath
Produktionsleitung: Mijke Harmsen
Technische Leitung & Grafik: Niels Bovri
Beleuchtung / Ton: Daniel Bergmann & Niels Bovri
Beleuchtungs- / Ton-Assistenz: Janet Klatte
Produktionsleitung Deutsche Oper: Manfred Rohwedder
Beleuchtung Deutsche Oper: Steffen Hoppe
Beratung und Ansprache Deutsche Oper: Katharina John
Produktionsfotografin: Bettina Stöß; / stage-picture
Internet: Tillmann Allmer

-----------------------

DIE KULTUR IST FÜR DIE GESELLSCHAFT DAS, WAS DAS
GEFÜHLSLEBEN FÜR DEN MENSCHEN IST.


Hans-Christian Ströbele Schirmherr

-----------------------
BOHÈME:

„Wir wollen mit der Unbekannten als der zahlreichsten Boheme beginnen. Sie besteht aus der großen Familie der armen Künstler, die unabänderlich dem Gesetz des Inkognito unterworfen sind, weil sie keinen Winkel der Öffentlichkeit unterworfen zu finden vermögen oder verstehen, um ihr Dasein in der Kunst zu bezeugen und durch das, was sie schon sind, nachzuweisen, was sie eines Tages sein könnten. Es ist das Geschlecht der hartnäckigen Träumer, für die die Kunst ein Glauben geblieben ist, statt ein Beruf zu werden...” (Murger)

„Es ist ein Leben der Geduld und des Mutes, in dem man nur kämpfen kann, wenn man mit einem festen Panzer der Gleichgültigkeit gewappnet ist, hiebsicher gegen Dumme und Neider; wo man, wenn man unterwegs nicht straucheln will, keinen einzigen Augenblick den Stolz auf sich selber aufgeben darf, der als Wanderstab dient. Es ist ein reizendes Leben und ein entsetzliches Leben, das seine Sieger und seine Märtyrer hat, und dem sich nur weihen sollte, wer von Anbeginn an entschlossen ist, sich dem ehernen Gesetz 'vae victis' reuelos zu unterwerfen.“ (Murger)

-----------------------



© Bettina Stöß / stage-picture


BOHEMIEN PUCCINI:

VERFLUCHTE ARMUT! (Puccini)

"Lieber Michele,
Dr. Cerù will das Geld zurückhaben, das er mir in Mailand während des Studiums für meinen Unterhalt geliehen hat, mitsamt Zinsen bis heute! ... Und hier geht mir der Apotheker auf die Nerven und will, dass ich Deine Rechnung bezahle, fünfundzwanzig Lire. Ich bin wirklich völlig abgebrannt. Ich weiß nicht, wie es weitergehen soll. Die dreihundert Lire von Ricordi jeden Monat bekomme ich weiter, aber als Vorschuß. Das reicht mir nicht und die Schulden werden jeden Monat größer. Bald läuft das Faß über, dann helfe mir Gott! Wenn Du eine Arbeit für mich findest, komme ich zu Dir. Ist das möglich? ... Heute Nacht habe ich bis drei Uhr gearbeitet, dann einen Bund Zwiebeln als Abendbrot gegessen. Wenn Du Ersparnisse hast, schicke sie mir, ich hebe sie für Dich auf! ... Paß auf und sei sparsam! Sieh' zu, dass wenigstens Du zu Geld kommst. Ich schaffe es nicht. Hier haben die Theater kein Geld und das Publikum wird wegen der Kritiker immer schwieriger. Möge Gott mir beistehen! Mir reicht's, mir reicht es wirklich. Wenn Du schreibst, dass ich kommen soll, komme ich, wir werden schon irgendetwas deichseln. Aber die Reise kostet auch Geld, ich warne Dich! Addio, addio!" (Puccini an seinen Bruder, 1890)


Puccini wurde ein reicher Mann. Er ließ sich eine Villa in Torre del Lago bauen, und hatte stets die neuesten Automobile und Motorboote. Torre del Lago wurde zu einem Treffpunkt vieler Künstler, die sich oft in einer Schenke trafen, welche sie gemeinsam kauften und in 'Club La Bohème' umbenannten.


Die "Statuten" des 'Club La Bohème':
    1. Die Mitglieder des Bohème-Clubs, getreu dem Geiste, in dem er gegründet wurde, geloben einander unter Eid, es sich wohl sein zu lassen und besser zu essen.
    2. Poker-Gesichter, Pedanten, schwache Mägen, Dummköpfe, Puritaner und andere Elende dieser Art sind nicht zugelassen und werden hinausgeworfen.
    3. Der Präsident wirkt als Vermittler; er hindert jedoch den Schatzmeister, das Mitgliedsgeld einzusammeln.
    4. Der Schatzmeister ist ermächtigt, sich mit dem Geld heimlich davonzumachen.
    5. Die Beleuchtung des Lokals hat durch eine Petroleumlampe zu geschehen. Wenn das Brennmaterial fehlt, sind die Holzköpfe der Mitglieder zu nehmen.
    6. Alle vom Gesetz erlaubten Spiele sind verboten.
    7. Schweigen ist verboten.
    8. Weisheit ist nicht erlaubt, außer in besonderen Fällen.


-----------------------



© Bettina Stöß / stage-picture


KREUZBERGER BOHEME:

"Ende der 1950er Jahre [...] etablieren sich im "armen" Kreuzberg - weitab vom wohlhabenden Kurfürstendamm - wie auf Verabredung zahlreiche Galerien, galerieähnlich Lokale, Malkeller, Musik- und Theatergruppen in Hinterhöfen und Kellerkneipen. Alles begann 1959 in der Oranienstraße mit der Galerie "Zinke", die der Schriftsteller und Maler Robert Wolfgang Schnell, der Lyriker und Holzschneider Günter Bruno Fuchs, der Maler Sigurd Kuschnerus und der Bildhauer Günter Anlauf 1959 gründeten. [...] Wenn in der "ZINKE" [...] Robert Wolfgang Schnell Dada-Pamphlete vortrug oder der Blechtrommler Günter Grass las - vor Publikum, das aus der ganzen Stadt anrückte, konnte es vorkommen, dass sich übel gesonnene Hausbewohner gegen den Lärm wehrten, in dem sie ihre Plattenspieler laut aufdrehten und der "Babysitter Blues" durch den Hinterhof dröhnte. Nach drei Jahren ertrank diese Galerie im Alkohol, hatte aber diverse Epigonen - allen voran Kurt Mühlenhaupts aus einer Trödelhandlung hervorgegangenen "Leierkasten". Die Kreuzberger Künstler stellten ihre Bilder auf einem Bildermarkt am Kreuzberg aus - und schnell hatte die Presse eine Schublade parat für das, was sich dort im Schatten der gerade hochgezogenen Berliner Mauer tat. Der "Kreuzberger Montmatre" war die Begriffsprägung dieser Zeit, die schnell auch international reüssierte und so etwas wie den ersten Kreuzberg-Mythos darstellt: das Boheme-Viertel im Kleine-Leute Bezirk, nicht so schick wie sein Pariser Pendant, sondern äußerlich gekennzeichnet von dem Mief und Dunkel der Hinterhäuser und dem Gestank von abgestandenem Bier und kalten Zigarettenrauch. Ungeachtet dessen hatte dieser Mythos seinerzeit eine ungeheure Magnetwirkung. Der Montmatre hatte seine große Zeit in den sechziger Jahren, bevor er langsam abgelöst wird vom "Berliner Blues", von der Zeit der "Haschrebellen" und der "Ton, Steine und Scherben" und schließlich dem Mythos vom alternativen Kreuzberg Platz machte." (Martin Düspohl)

In den letzten Jahren entstehen um das Kottbusser Tor und in der Schlesischen Straße zahlreiche neue Galerien, Ateliers und Cafés. Kreuzberg ist erneut Zuzugsort und Inspiration für Künstler unterschiedlichster Länder und Genres. Eine neue Bohème erobert den und etabliert sich im Kiez.

-----------------------



© Bettina Stöß / stage-picture


THEMA - KNEIPEN UND CAFÉS:

"Ohne Zweifel hätten sie die Nacht im Café verbracht, wenn man sie nicht gebeten hätte, sich zurückzuziehen." (Murger)

"Ich habe das Café satt, aber damit will ich nicht behaupten, dass ich ihm Lebewohl für immer sage, oder fahre dahin Zigeunerkarren. Im Gegenteil, ich werde noch oft dort verweilen. Gestern ging es Tür auf, Tür zu, wie in einem Bazar; nicht alles dort ist echte Wahre: Imitierende Dichter, falsches Wortgeschmeide, Similigedanken, unmotivierter Zigarettendampf .... Warum es einen so ins Café zieht! .... Warum man überhaupt in Berlin wohnen bleibt? In dieser kalten unerquicklichen Stadt. Eine unumstößliche Uhr ist Berlin, sie wacht mit der Zeit, wir wissen, wie viel Uhr Kunst es immer ist. Und ich möchte die Zeit so gern verschlafen.... Aber ich bin so begierig, wie es meiner Bleibe und meiner Sterbe geht, dem Café des Westens? Es ist genau so, wie wenn ich einen Ohrring verloren hab, ich beginne, mich nicht mehr zu fühlen. Ein Säufer muß in seine Kneipe, ein Spieler in seine Hölle, nur ich bin abnorm ... Gibt es einen Ort, auf dem so eine Bazarbuntheit ist, wie in unserem Café?" (Else Lasker Schüler (1912))


-----------------------



© Bettina Stöß / stage-picture


THEMA - KALTE KÜNSTLER:

Dass Künstler nicht lieben, ist meist kein Zufall. [...] Es existiert das Motiv des Künstlers, der 'um seiner Kunst Willen' nicht lieben darf, bzw. der nicht lieben darf, eben 'weil er die Existenz eines Künstlers führt'. [...] Dem Motiv des Liebesverbots liegt die Annahme zu Grunde, dass das Gefühl der Liebe so stark ist, dass es den Geist des Liebenden zu erfüllen und ihn von anderen Tätigkeiten abzulenken vermag. [...] Das Nicht-Lieben kann insofern ein Zustand sein, der für den Künstler die Voraussetzung dafür schafft, dass er sich konzentrieren und unbeeinflusst von störenden Gefühlen Kunstwerke produzieren kann. [...] Wenn die Liebe zu den grundlegenden Empfindungen des Menschen gehört, so stellt das Nicht-Lieben ein Defizit dar. [...]
    "Invan, invan nascondo la mia vera tortura. Amo Mimi sovra ogni cosa al mondo, io l'amo, ma ho paura! / Umsonst, umsonst, verberge ich meine Qual. Ich liebe Mimi über alles in der Welt, ich liebe sie, doch ich habe Angst." (Rodolfo)
Dass der Künstler trotz Opfer und Leiden dennoch auf Liebe verzichtet, liegt in den hohen Stellenwert begründet, den die Kunst in seinem Leben einnimmt. ... Der Künstler produziert Kunst, will er leben (und lieben), kann er keine Kunst mehr schaffen. .... Wenn Künstler nicht lieben, heißt dies also in der Regel, dass sie 'andere' nicht lieben; die Eigenliebe hingegen ist meist ein prägender Bestandteil des Charakters. ... Dies setzt ein bestimmtest Künstlerbild voraus, dass nämlich des kreativen, originären Künstlers. Dieses Künstlerbild ist gegen Ende des 18 Jhd.'s entstanden. ... eine Folge der Säkularisierung und der Aufwertung des Menschen. (Löber)
    "Es gibt Menschen, für die - damit sie groß werden können - alles, was nur ein wenig an Glück und Sonnenschein erinnert, ewig verboten sein muß." (George Lukás)
    "Wir Künstler sind kalte, hartherzige Naturen" (Drei Männer im Schnee, Erich Kästner)
    "Ich bin hart außen, kalt im Innern" (Franz Kafka)
    Die Kälte-Metapher ist eine Erweiterung des Liebesverbots-Motivs. (Löber)
In LA BOHÈME ist die Kälte das beherrschende Thema: Es schneit, schneebedeckte Dächer, im Zimmer ist es kalt, Marcellos Finger sind erfroren, Musettas Herz ist ein Eisberg und Mimis Händchen ist eiskalt. Die Begegnungen zwischen Rodolfo und Mimi finden ausschließlich in der kalten Jahreszeit statt. Dem gegenüber stehenden unerfüllte Wünsche und Sehnsüchte nach brennenden Kerzen, dem Frühling und echten Blumen, dem Feuer im Ofen und einer heißen Wurst - Mimis letztes und innigstes Begehren ist es, einen die Hände wärmenden Muff zu haben.

"Hab den Ärger nur hinterdrein, nicht gewiss zu sein, wovon ich zittre die ganze Zeit, ob nur vor Kälte oder vor ihm. Macht ich mir irgend wohl vor, machte er mir vor, dass es kalt war, damit ich zittern und mich daran vergewissern möchte, dass er da war [...]" (Mann, Dr. Faustus)

-----------------------



© Bettina Stöß / stage-picture


Irgendwann fiel die Heizung aus. Ich lieh mir einen Heizlüfter, aber der erwärmte das Zimmer nur auf zehn oder zwölf Grad. Wenn ich jetzt abends aus der Akademie zurückkam, lag Franco meistens in meinem Bett, das er den ganzen Tag nicht verlassen hatte.
"Ich habe eine Vision gehabt", sagte er mit ersterbender Stimme.
"Willst du wissen?"
"Nein", sagte ich.
Ich setzte in der Küche Wasser auf, ohne die Handschuhe auszuziehen, und sah aus dem Fenster. Aus einem gelbschwarzen Himmel fiel Schnee und taumelte über die vierspurige Straße. Ein Polizeiauto hielt neben einer Schneewehe. Der Beifahrer stieg aus, trat mit einem Fuß in die Schneewehe, und ich erinnerte mich wieder daran, dass ich von Anfang an gewusst hatte, dass diese Stadt nichts für mich war.
"Ich hatte furchtbaren Hunger", sagte Franco. "Aber ich konnte nicht aufstehen. Ich war zu schwach. Zu kalt. Ich musste die ganze Zeit ans Totsein denken. Wenn ich die Möglichkeit gehabt hätte ... Oh Mann. Aber ich hab nur auf die Wand gestarrt, und dann plötzlich habe ich dieses Wort auf der Wand realisiert. In großen klaren Buchstaben. Wie vor meine Stirn geschlagen. UNTERKALT."
Er machte eine Kunstpause. Ich konnte hören, wie er unter der Bettdecke raschelte.
"Gibt es das Wort?"
"Nein", sagte ich.
"Ist das nicht fantastisch?" rief er. "Ich werde ein Objekt machen. UNTERKALT!"
"Großartig", sagte ich. "Schreib's dir auf, damit du's nicht vergisst."
(Herrndorf)

-----------------------



© privat


THEMA - KRANKE FRAUEN:

Una terribil tosse
l'esil petto le scoute,
già le smunte gote
di sangue ha rosse

Ein furchtbarer Husten
erschüttert ihre schmächtige Brust
ihre abgezehrten Wangen
sind von Fieber rot. (Rodolfo)

"It is as if her disease has rendered her poetic" (Hucheton)


Die im letzten Jahrhundert von Tuberkulose ausgelösten Phantasien sind Reaktionen auf eine Krankheit, die als unheilbar und launisch galt - d. h. auf eine Krankheit, die unverstanden ist. Eine solche Krankheit ist per definitionem mysteriös. [...] Von der Tb dachte man - denkt man immer noch - dass sie euphorische Zustände, gesteigerten Appetit, verstärktes sexuelles Begehren auslöst. [...] Tb zu haben, stellte man sich als Aphrodisiakum vor, als eine Krankheit, die außergewöhnliche Verführungskräfte verleiht. (Sontag)

In den neuerlich industrialisierten Städten Europas wuchs die urbane Armut rasch an. Die unheilvolle Kombination aus einer generellen Armut, schlechter Ernährung, beengten Wohnungen und schlechten Arbeitsbedingungen, besonders für Frauen in der Seiden-Textil-Industrie (Mimi ist Seidenblumenstickerin / - macherin), ließ die Sterblichkeit an Tuberkulose dramatisch ansteigen. (Hucheton)

-----------------------


TEXT-QUELLEN:

Mosco Carner: Puccini - Biographie, Frankfurt, 1996

Martin Düsphol: Mythos Kreuzberg,
www.diversity-boell.de/downloads/integration/MythosKreuzbergStreifzug.pdf

Wolfgang Herrndorf: Diesseits des Van-Allen-Gürtels, Eichborn Verlag, Berlin 2007

Hutcheon & Hutcheton: Opera. Desire, disease, death (Famous last breaths), Nebraska, 1996

Axel Löber: Du darfst nicht lieben, Gießen, 2005 (Magisterarbeit)

Henri Murger: Scènes de la vie de bohème, Paris, 1847-49

Susan Sontag : Krankheit als Metapher, Frankfurt, 1981

-----------------------


DANKE:

Metin Agacgözgü, Anne Champert, Daniel Dilger, Ebru Ertiken-Knauber, Förderkreis der HfM Hanns Eisler, Andreas von Graffenried, Cora Hegewald, Steffen Hoppe, Rainer Knauber, Tiziano Manca, Herr Nadenbach, Thilo Reinhardt, Manfred Rohwedder, Gisela Tuchtenhagen, sowie Berg Apotheke, Druckerei Hinkelstein, Kaisers und Moleskine

besonderen Dank an: Katharina John

einen gesonderten Dank für die großzügige Unterstützung an:

Claus Dieter Hühne
Harald Kröck
Gabriele Schreiner
Gunda Zeeb

DIE BOHEME AM KOTTBUSSER TOR ist gefördert aus Mitteln des BERLINER SENATS, der ALE-Stiftung und von VATTENFALL

In Kooperation mit - Medienpartner:

-----------------------


KRITIKEN:


Tod in der Kneipe

Mimì stirbt auf einem Stuhl. Dort, wo sie wohl ihr halbes Leben verbracht hat, auf einem angekratzten Barhocker, in der Hoffnung, sie würde irgendwann entdeckt werden: das Ende einer Karriere, die gar nicht begann - wie bei so vielen hier am Kottbusser Tor. In der Puccini-Oper "La Bohème" geht es genau um diese Hinterhof-Maler, Barhocker-Poeten und Weltenbummler, die vorgeben, von ihrer Kunst zu leben, und doch nur davon träumen. Deshalb, sagt Julia Schreiner, künstlerische Leiterin des Musiktheaterprojekts Die Bohème vom Kottbusser Tor, gehört die Oper auch hierher, in den Kiez der Berliner Bohème. Es ist bereits das sechste Mal, dass sich Schreiners Ensemble mit dem Thema des freigeistigen, doch mittellosen Künstlers auseinandersetzt. Zum ersten Mal jedoch ist die gesamte Oper das Material. Regisseur Patrick Wengenroth hat zu diesem Zweck das Stück von der großen Bühne mitten hinein ins raubeinige Leben am Kotti geholt. Im Festsaal Kreuzberg sitzen Mimì und Rudolfo daher nicht auf der Arienrampe, sondern im Publikum, am Kneipentisch und an der Bar. Als wär's ein typisch Kreuzberger Abend, man feiert und fängt plötzlich an zu spielen. Heute wird dann eben mal Puccini gegeben als Stegreif-Nummer mit Sängern in Jeans und einem multikulturellem Gemisch von Straßenmusikern (Arrangement: Stefan Weihrauch)... Es ist das Leben der Bohème. Ehrlich, improvisiert und voll Liebe zur Kunst .

Dorte Eilers (Tagesspiegel, 16.06.07)



Von Montmartre nach Kreuzberg
"Die Bohème am Kottbusser Tor" macht Appetit auf Oper


Wenn 'Die Bohème' zu echten Bohemiens nach Kreuzberg wandert, rechnet man mit einer besonderen Aufführung der beliebten Oper von Giacomo Puccini. Die Erwartungen bestätigen sich bereits am Eingang zum Festsaal Kreuzberg... Anstatt eines Foyers, in dem distinguierte Herrschaften in Abendgarderobe den Vorstellungsbeginn erwarten, bietet der Festsaal einen Vorgarten, durch den am Donnerstag Abend vor der Uraufführung Grillschwaden zogen. Kinder schrien, Flaschen klirrten und an den Tischen plapperte ein buntes Völkchen in schwarzen ‚Motörhead'-T-Shirts, luftigen Sommerkleidchen oder bequemen Anzügen. ... Die Handlung wurde kurzerhand ins aktuelle Kreuzberg verlegt. ... Für Begeisterungsstürme sorgte im ersten Bild der Tenor Alec Otto, der sich als Rodolfo in seinem ersten Solopart Mimi vorstellte und ihr seine Liebe offenbarte. Tonsicher, klar akzentuiert und verständlich singend ragte er über die gesamte Aufführung heraus und war den übrigen Sängern auch schauspielerisch überlegen. Ebenfalls einen guten Eindruck hinterließ Katharina Jakhelln Semb, die die schwindsüchtige Mimi gab und am Ende sterben musste... Die Elferbesetzung im 'Orchestergraben' deutete bereits wegen der ungewöhnliche Operninstrumentierung Überraschungen an, die nicht lange auf sich warten ließen. Stefan Weihrauch hat Giacomo Puccinis ohnehin variantenreiche und stetig wechselnde Partitur um weitere Themen und Motive erweitert. Die Saz verband einzelne Szenen mit einer Art orientalischem Jingle. Zuweilen entfloh das kleine Ensemble dem schwelgerischen Puccini-Sound mit schrägen Zwischenspielen, jazzigen Einlagen oder einer stimmungsvollen Kneipenpolka. Diese Ausflüge dauerten kurz und glitten stets sanft zurück in Puccinis Musik.... 'Die Bohème am Kottbusser Tor' [ist] ein gelungenes Experiment. Die Kooperation mit der Deutschen Oper bot launige Einfälle und könnte popmusikalisch geschultem Kiezpublikum Appetit auf mehr Oper machen.

Thomas Joerdens (Oranienburger Generalanzeiger, 16.06.07)



'Boheme' in kneipiger Atmosphäre
Am Kottbusser Tor wurde eine Opernexperiment gestartet - dem Publikum hat es gefallen


Wie kalt ist mir, singt die schwindsüchtig dahinsiechende Mimi in Puccinis 'La Boheme' - und im Publikum des Festsaals Kreuzberg rotieren die als Fächer verwendeten Programmhefte, um die schwüle Hitze hinweg zu treiben. Passanten auf der Straße nehmen es mit Erstaunen zur Kenntnis, dass im Kiez 'große Kunst' passiert. Die Leute vom Kottbusser Tor bleiben stehen, diskutieren. Regelmäßige Operngänger sind kaum darunter... Die drei Sopranistinnen Katharina Semb (als Mimi), Doreen Hoffrichter und Nike Schmitka bezaubern mit ihrem Stimmvolumen, Min Kwon Han liefert einen soliden Bariton ab und Alec Otto überzeugt als Tenor. Auch das auf Kammerensemble reduzierte Orchester macht durchaus eine gute Figur... Dem Premierenpublikum hat es ausnehmend gefallen ...

Tom Mustroph (Neues Deutschland, 16.06.07)



Die Boheme am Kottbusser Tor

... Katharina Jakhelln Semb & Alec Otto sind ein glaubwürdiges und auch stimmlich imposantes Liebespaar!! Man wird von ihnen in den nächsten Jahren hören - sicher auch von Min Kwon Han und Nike Schmitka sowie Doreen Hoffrichter, um die Besetzungsliste abzurunden. Und es sind selbstredend - in der Lesart Patrick Wengenroths (Regie) - Leute von hier, in Kreuzberg. Sitzen meist am Küchentisch und haben volle Gläser vor sich stehen .... Musikalisch, wie gesagt, erfrischlerisch! Jens Lietzke dirigiert das instrumentenkunterbunte Kurzarrangement von Stefan Weihrauch, etwas über einer Stunde dauerts. Alle Ausschnitte und "Hits" kriegen durch ihn den Schmiss und Schmelz ...: lässig-leicht, unaufgeregt. Fiebrileste Begeisterungen ... bei gefühlten 44 Grad im Schatten.

Andre Sokolowski (www.kultura-extra.de, 17.06.07)



Schließt die Opernhäuser - geht zur "Bohème am Kottbusser Tor"!

Natürlich ist das nicht wörtlich gemeint - aber wenn man diese Puccini-Bohème im Festsaal Kreuzberg, also mitten im Kiez mit seinem genuinen Publikum gesehen, gehört, emotional durchlitten hat, dann beginnt man wieder zu verstehen, wie groß, wie anrührend, wie mitreißend, wie begeisternd Oper noch immer oder endlich wieder sein kann. Alles spricht dort gegen sie: keine Bühne, kein Orchestergraben, keine Polsterbestuhlung, kein Foyer und keine Kassenhalle - ein schlichter Saal mit kleiner Bar-Theke und Galerie direkt an der Hauptverkehrsstraße inmitten zahlreicher türkischer Kultur- und anderen Vereinen. Und gerade darum geschieht dort das Wunder: Ein kleines, schräges Orchester mit vier Streichern und sonst nur Blas- und Zupfinstrumenten z.T. verschiedener ethnischer Herkunft, arrangiert und dirigiert von Stefan Weihrauch und Jens Lietzke - mitten im Saal ein kleines Podium mit vier Stühlen, Tisch und einigen Gläsern - an der Bar einige junge Leute, die wie selbstverständlich zu Puccinis Musik anfangen zu singen, dann aufstehen, durch die Menschen gehen, sich an ihren Tisch setzen - bisweilen auch frontal vor dem Orchester direkt ins Publikum singen, das selbst an Tischen rund um das Podium wie in einer Kneipe gruppiert ist: Wir sind nicht eigentlich Publikum, sondern die Gesellschaft, aus der Rodolfo und Mimi, Musette und Marcello hervorgehen und wohin sie singend und spielend immer wieder zurückgehen. Menschen zum Anfassen - Menschen aus dem Kiez. Und wie sie singen! Einerseits so selbstverständlich wie normale Menschen reden - und dann behaupten sie sich doch mit höchster artistischer Kraft und Leidenschaft gegen ein (bisweilen etwas zu dominantes) Orchester und sprechen ganz direkt zu unseren Seelen und Gefühlen. Vor allem aber sind sie authentisch: Min Kwon Han, Doreen Hoffrichter, Alec Otto, Nike Schmitka, Katharina Jakhelln Semb sind keine "Opernsänger" sondern Menschen-Darsteller-Sänger, die bisweilen geradezu sichtbar von ihren eigenen Rollen überwältigt werden, was ihrem Spiel bei der ohnehin aufgehobenen Distanz zum Publikum Unmittelbarkeit und Echtheit gibt. Da sind keine Opernposen, selbst dort nicht, wo die großen Arien und Duette aus dem Gang der Handlung, die ihrerseits durch eingesprochene Kommentare kommentiert wird, herausgelöst werden; gesungen wird in deutsch und italienisch, beides geht organisch ineinander über. Patrick Wengenroths lebendige, den Raum voll ausnutzende Regie und die sie dabei congenial unterstützende und wo nötig verfremdende Beleuchtung von Daniel Bergmann stellen das meiste, was man dieser Tage an Opernregie geboten bekommt, in den Schatten. Das Ganze - verdienstvoll von der Deutschen Oper unterstützt - ist ein echtes Kreuzberg-Projekt: 30 Mitarbeiter aus 11 Ländern, Musiker mit den unterschiedlichsten beruflichen Herkünften von Folk und Jazz bis Klassik, eine kulturelle Mischung, die es der Truppe - Künstlerische Leitung Julia Schreiner - ermöglichte, eine Ton- und Spielsprache zu sprechen, mit der eine der bekanntesten Opern sozusagen neu erfunden wurde.

Ekkehart Krippendorff ( für ND, 18.06.07)



Die Quartiers-Bohème

.... Und so hat der Regisseur Patrick Wengenroth, der die Oper inszenierte, erst mal allen Opernpomp gestrichen. Stefan Weihrauch hat als musikalischer Leiter die Opulenz der Instrumentierung ebenfalls abgespeckt und behutsam modernisiert. Geblieben sind fünf Sänger und elf Musiker, die die Geschichte fast beiläufig entwickeln. Erst erkennt man sie gar nicht, denn sie sehen aus wie das Publikum: Jeans, luftige Oberteile - was man so trägt an einem heißen Sommertag... Schon im Original sind die Szenen lose nebeneinandergesetzt: Die Geschichte der frierenden Künstler Rodolfo und Marcello, die kein Geld für die Miete haben, oder Rodolfos Liebesgeschichte mit der sterbenskranken Näherin Mimi.... die fünf stimmgewaltigen Sänger [machen] die Aufführung zu einem kleinen Ereignis: Alec Otto als Rodolfo, Katharina Jakhelln Semb als Mimi, Doreen Hoffrichter als Musetta und Nike Schmitka, die verschiedene Partien singt... Am Ende hat Puccini [...] gewonnen.

Esther Slevogt (TAZ, 20.06.07)



La Bohème für die Berliner Szene
Puccini-Oper im Festsaal Kreuzberg




.... Der Gehweg vor dem Festsaal Kreuzberg ist blockiert. Eine lange Schlange hat sich an der Kasse vor dem Hinterhofsaal gebildet... Was für so viel Andrang sorgt, ist die Premiere von Puccinis berühmter Oper La Bohème in einer Fassung für Multikulti-Band und fünf Sänger - hervorragende, um es gleich vorweg zu nehmen. "Die Bohème am Kottbusser Tor" lockt nicht das gewöhnliche bürgerliche Publikum aus Charlottenburgs Deutscher Oper, deren Chefin Kirsten Harms allerdings durchaus bei der Aufführung anwesend ist, sondern hat ein ganz eigenes aus Kreuzberg, Prenzlauer Berg, Friedrichshain und Treptow: die Bezirke der aktuellen Berliner Bohème. Stefan Weihrauch hat Giacomo Puccinis klangfarbenreiches Werk für ein elfköpfiges Kammerensemble arrangiert, das unter anderem mit Saxofon, Trompete, Sousaphon, Vibraphon und einer der arabischen Laute ähnlichen Baglama besetzt ist... die Sänger beherrschen den Abend und führen [ihn] zum Erfolg. Insbesondere Tenor Alec Otto als Poet Rudolpho und die Norwegerin Katharina Jakhelln Semb als sterbenskranke Mimi beeindrucken mit ihren stimmlichen Leistungen und ihrem starken Spiel. Liebe, Leidenschaft und künstlerischer Überschwang stehen im Kontrast zu Armut, Lieblosigkeit, Krankheit, winterlicher Kälte und Tod. Während der Vorstellung bei tropischen Temperaturen bestellt [das Publikum] ein Bier an der Bar... die Regie von Patrick Wengenroth [beschränkt sich] auf das Wesentliche und lässt vornehm der Musik und dem Gesang in Deutsch und Italienisch den Vortritt. Auch der Bariton Min Kwon Han in der Rolle des Malers Marcello und Koloratursopranistin Doreen Hoffrichter als Musette nutzen ihren Freiraum für atemberaubende Duette und das berühmte Quartett der beiden Paare am Ende des dritten Bildes. Sopranistin Nike Schmitka führt als Confereneciese durch das stark gestraffte Stück und ist auch in anderen Rollen zu hören. So wird "Die Bohème am Kottbusser Tor" zum Fest für Freunde des Operngesangs - auch, weil man sonst den Protagonisten nie so nahe sein darf.

Oliver Hafke Ahmad (Märkische Oderzeitung, 20.07.07)



Kiezoper
Die Bohème am Kottbusser Tor


... Die drei Sopranistinnen Katharina Semb (als Mimi), Doreen Hoffrichter und Nike Schmitka bezaubern mit ihrem Stimmvolumen, Min Kwon Han liefert einen soliden Bariton ab und Alec Otto überzeugt als Tenor. Auch das auf Kammerensemble reduzierte Orchester macht durchaus eine gute Figur....

Tom Mustroph (Zitty, 21.6.-04.7.07)



Berlin ist ... kurzweilig
Oper locker vom Hocker


Puccinis "La Bohème" hat es nach Kreuzberg geschafft. Als "Die Boheme am Kottbusser Tor" wurde die Oper auf eine etwas mehr als einstündige Fassung zusammengedampft, wodurch das schwülstige Werk auch mehr Druck entwickelt. Mit fünf Sänger/innen und einem kleinen Orchester, das im Sound durch ein Bandoneon, eine Baglama (eine Art orientalische Laute) und ein E-Piano aufgefrischt wurde, bespielt das Team den Festsaal Kreuzberg, mehr oder weniger in seiner derzeitigen Existenz, als vorgefundenes Bühnenbild. Schließlich entwickelt sich der Plott ja in einem ärmlichen Künstlermilieu, das man in diesem Raum wahrscheinlich als angestammt vermutet. Zunächst ist es schon etwas befremdlich, wenn die Künstler und die Zuschauer rein visuell nicht voneinander zu unterscheiden sind, denn Oper war doch bisher etwas Erhabenes mit tollen Kostümen in aufwändigen Produktionen. Hier ist das anders ... ... eine schmetternde Arie nach der anderen, denn die unspektakulären Zwischenteile der Originaloper sind auf dem Weg nach Kreuzberg vom Laster gefallen. Macht aber nichts, denn die Qualität der Sänger und des kleinen Orchesters (jede Stimme nur einmal) unter der Leitung von Jens Lietzke füllen den Abend und vor allem den kleinen Raum voll aus. Mehr wäre hier gar nicht machbar und in keinem Fall besser.... Es macht Spaß, diese Kurzoper am Kottbusser Tor zu besuchen... Es ist nicht nur im Konzeptionellen, sondern auch im praktischen eine frische Öffnung der Oper Richtung Kiezbewohner und ich, als Kiezbewohner, finde, dass es gelungen ist...

Magnus Hengge (www.berlin-ist.de, 20.06.07)


-----------------------




"Sonderbar", erwiderte Rodolfo, "ich fühle nichts. War meine Liebe tot, als ich erfuhr, dass Mimi sterben sollte?" (Murger)

"Addio, addio, senza rancor. / Leb wohl, leb wohl, ohne Groll." (Mimi)

"Addio, sogni d'amor! / Leb wohl, Traum der Liebe." (Rodolfo)




  © 2007 · Die Bohème am Kottbusser Tor · email senden